Was Sie in diesem Kapitel erwartet? Interview mit Christopher Schrader, Autor des Handbuchs

Wer Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel äußert, dem geht es oft überhaupt nicht um die Wissenschaft. „By denying the facts, no emotions need to be felt“, heißt es in der Psychologie: Wer Forschungsergebnisse bestreitet, braucht sich nicht mit deren (emotionalen oder politischen) Konsequenzen auseinanderzusetzen. Daher ist es oft besser, nach der eigentlichen Motivation von Zweifelnden zu fragen – und dann auf diese zu reagieren. Aber auch bei einer inhaltlichen Reaktion gilt es einiges zu beachten.

Bewusst Zweifel zu wecken und Desinformation zu streuen, ist eine erprobte Strategie zur Diskreditierung von Expert:innen und ihren Positionen. Auch in der Debatte um die Klimakrise wird diese Strategie seit vielen Jahren angewendet. (Wie die Mechanismen hinter Desinformation funktionieren, davon handelt Kapitel 1.)

Als direkte Reaktion darauf haben Psychologinnen und Klimaschützer das sogenannte Consensus Messaging entwickelt, das Betonen des Grundkonsenses der Klimaforschung. Dabei teilt man der breiten Öffentlichkeit wieder und wieder mit, dass sich die Wissenschaft seit langem einig ist über grundlegende Fakten zum menschengemachten Klimawandel. Damit man sich das Basiswissen besser merken kann, hat der US-Kommunikationswissenschaftler Anthony Leiserowitz es auf zehn griffige Worte kondensiert: 1. It’s real. 2. It’s us. 3. It’s bad. 4. Experts agree. 5. There’s hope.

Die deutsche Übersetzung des Konsenses besteht aus 20 Worten und ist unter anderem vom Deutschen Klimakonsortium und klimafakten.de in den „Basisfakten über den Klimawandel“ veröffentlicht worden:

    1. Er ist real.
    2. Wir sind die Ursache.
    3. Er ist gefährlich.
    4. Die Fachleute sind sich einig.
    5. Wir können noch etwas tun.
Dieser Konsens bedeutet nicht, dass es nicht noch unbekannte Details in der Klima­forschung gäbe – im Gegenteil. Doch die fundamentalen Fakten zur Erderhitzung gelten als gesichertes Wissen; deshalb ist für die Wissenschaft auch vollkommen unstrittig, dass die Treibhaus­gas­emissionen drastisch und schnellstens gesenkt werden müssen, wenn ein unbeherrsch­barer Klimawandel noch verhindert werden soll. (Dieser klimafakten-Artikel beschreibt, was unter „wissenschaftlichen Konsens“ zu verstehen ist.)
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Die berühmten „97 Prozent“

Weil „Konsens“ keine wissenschaftliche Kategorie darstellt, gibt es auch kein etabliertes Verfahren, um ihn zu messen. 2004 veröffentlichte die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes die vermutlich erste Quantifizierung: Sie hatte die Zusammenfassungen von 928 Studien aus den Jahren 1993 bis 2003 durchgesehen, die die Wörter global climate change enthielten. In keiner einzigen war eine Ablehnung der Konsens-Position zum Klimawandel zu finden.

Einen anderen Weg ging im Jahr 2013 ein Team um John Cook (damals University of Queensland),  Gründer des Online-Portals SkepticalScience.org, einem Partner von klimafakten.de. Die neunköpfige Arbeitsgruppe zählte nicht die ausbleibende Ablehnung der Konsens-Position, sondern die ausdrückliche Zustimmung. Sie durchsuchte dazu fast 12.000 Forschungsaufsätze aus den Jahren 1991 bis 2011, in denen die Begriffe global warming oder global climate changevorkamen. Zwei Drittel der Zusammenfassungen (Abstracts) enthielten keine Aussage zum Konsens, aber vom Rest stimmten ihm 97 Prozent aktiv zu.

Der 97-Prozent-Wert wird seither immer wieder zitiert und bestätigt. So fand eine Arbeitsgruppe um Cook und Oreskes 2016 in einem Überblicksartikel ein gutes Dutzend weiterer Studien mit ähnlichen Resultaten. Später kam eine kurze Analyse von James Powell vom National Physical Science Consortium der USA zu dem Ergebnis, dass sich der Konsens in 11.000 Klimastudien allein aus dem Jahr 2019 der Hundert-Prozent-Marke annähert.  Zuletzt ergab eine Studie, in der die Fachliteratur der Jahre 2012 bis 2020 auswertet wurde, gar einen Konsens von mehr als 99,9 Prozent: Typische Stichwörter, die in den Mythen der Klimawandelleugner vorkommen, fanden sich nicht einmal in einem Promille der 88.000 Fachaufsätze.

Beide Suchverfahren, also nach der Ablehnung von Basiserkenntnissen der Klimaforschung oder nach expliziter Zustimmung, liefern dabei vergleichbare, konsistente Ergebnisse

Die berühmten „97 Prozent“

Was ist und was nützt Consensus Messaging?

Was bringt es, Menschen immer wieder zu sagen, dass sich die Wissenschaft über die Grundfragen des Klimawandels einig ist? Etlichen Studien in englischsprachigen Ländern zufolge bringt es viel: Stephan Lewandowsky von der Universität Bristol sprach der Wahrnehmung des wissenschaftlichen Konsenses 2012 eine Schlüsselrolle dabei zu, dass jemand den menschengemachten Klimawandel als Tatsache akzeptiert.

Vor allem eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe um Sander van der Linden (University of Cambridge), Ed Maibach (George Mason University) und Anthony Leiserowitz (Yale University) hat den Konsens zum Kernfaktor der Kommunikation erklärt. Ihnen zufolge ist das Wissen um die Einigkeit der Fachwelt ein Gateway Belief, zu Deutsch etwa: Türöffner-Wissen. Laut dem Gateway Belief Model (GBM) setzt das Consensus Messaging einen mehrstufigen Prozess in Gang: Wenn Menschen vom außerordentlich hohen Forscherkonsens erfahren, schätzen sie selbst die Einigkeit in der Fachwelt höher ein. Dies wiederum führt dazu, dass sie die Realität des menschengemachten Klimawandels mit höherer Wahrscheinlichkeit anerkennen und sich deswegen Sorgen machen (mehr zu Gefühlen siehe Kapitel 14). Daraus resultiert letztlich eine größere Unterstützung für Klimaschutz und eine höhere Zustimmung zu klimapolitischen Maßnahmen.

Einer sogenannten Metaanalyse zufolge, die Daten aus 25 Umfragen, 171 Studien und 56 Nationen vergleichend ausgewertet hat, ist die Kenntnis des Konsenses wichtig für das Anerkennen des Klimawandels. Doch von den hierfür ausgewerteten Studien stammten nur zwei aus Deutschland und eine aus der Schweiz. Und es spricht einiges dafür, dass die (positiven) Ergebnisse zum Consensus Messaging vor allem für den angelsächsischen Raum gelten – wo die Öffentlichkeit in der Klimadebatte sehr polarisiert ist und das Thema Klimaschutz vor allem von Konservativen und Marktliberalen ideologisch aufgeladen wurde.

Eine repräsentative Studie mit deutschen Probanden hat die Wirkungskette des GBM überprüft und wenig Effekt gefunden. Vermutlich sei, so das Team um Robin Tschötschel von der Universität Amsterdam, hierzulande die öffentliche Diskussion ohnehin gesättigt mit der Information um den menschengemachten Klimawandel und den entsprechenden Konsens der Forschung.

Dennoch sollte man den Konsens betonen und das Argument kennen. Denn es lässt sich immer dann gut anbringen, wenn man mit grundsätzlichen Zweifeln konfrontiert ist. Auf die Einigkeit in der Wissenschaft zu verweisen hilft, wenn jemand im persönlichen Gespräch, bei einer Veranstaltung oder in einem Kommentar im Netz, angebliche Fakten vorbringt, die seiner oder ihrer Auffassung zufolge die ganze Klimadebatte auf den Kopf stellen.

Kontert man mit Verweis auf den Konsens, richtet sich das vor allem an die Menschen, die eine solche Szene miterleben (Wissenschaftler:in/Aktivist:in trifft auf Leugner:in). Denen können so die Zweifel genommen werden, die vielleicht gerade keimen. Die widersprechenden Menschen davon zu überzeugen, dass an den oft vehement vorgetragenen Mythen nichts dran ist, ist eher aussichtslos.

Zahlreiche weitere Details zu Desinformationsstrategien, zum Konsens der Klimaforschung, zum Gateway Belief Model und zu Kritik daran finden Sie in der ausführlichen Version dieses Kapitel – Sie können es hier als PDF herunterladen.

Impfung gegen Desinformation…

Um Publikum mit Abwehrkräften zu versehen, hilft eine „Impfung“ gegen Mythen. Impfen bedeutet, medizinisch gesehen, das Immunsystem eines Lebewesens mit ungefährlichen Teilen oder inaktiven Kopien eines Krankheitserregers zu konfrontieren. Die Körperabwehr lernt den Erreger so kennen, entwickelt Antikörper und stellt spezielle Gedächtniszellen bereit, um für eine spätere, tatsächliche Infektion gewappnet zu sein.

Diese Methode lässt sich metaphorisch auf die Klimakommunikation übertragen und wird dann zu einem wichtigen Werkzeug, erklärt ein Team um den Soziologen Robert Brulle von der Drexel University in Philadelphia in einem Überblicksartikel über Fortschritte im Kampf gegen Desinformation.

„Das plumpe Bestätigen des wissenschaftlichen Konsenses über den Klimawandel reicht allein nicht aus, um die Meinung einer skeptischen Öffentlichkeit zu ändern.“

Darum ist es hilfreich, sozusagen das mentale Immunsystem zu stärken, Menschen also vor Desinformation zu warnen und ihnen Argumente dagegen an die Hand zu geben.

Die Impfstrategie wurde im Zusammenhang mit der Klimakommunikation erstmals 2017 untersucht, und zwar von den gleichen Wissenschaftler:innen, die schon in der Konsens-Forschung aktiv waren. John Cook, Stephan Lewandowsky (der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von klimafakten.de ist) und dessen Kollege Ulrich Ecker beschrieben folgendes Experiment: Sie informierten eine Versuchsgruppe über Desinformation der Tabakindustrie, die schon vor Jahrzehnten in Zeitungsannoncen Mediziner mit vermeintlichen Informationen zur Bekömmlichkeit einer bestimmten Zigarettenmarke auftreten ließ. Tatsächlich konnten die Ärzt:innen das trotz ihres Berufs überhaupt nicht beurteilen. Die Werbung instrumentalisiere hier falsche Expert:innen, erklärte das Cook-Team dann den Versuchspersonen der Studie die Strategie dahinter (und alle wussten natürlich, dass die gesundheitsschädliche Wirkung aller Tabakprodukte inzwischen längst belegt ist).

Nach dieser „Impfung“ lasen die Probanden ganz ähnlich aufgemachte Informationen über die sogenannte Oregon-Petition, bei der 31.000 angebliche Wissenschaftler:innen per Unterschriftenliste ihre Zweifel am menschengemachten Klimawandel bekundeten. Bei einer „ungeimpften“ Kontrollgruppe der Studie hinterließ die schiere Zahl der Unterschriften durchaus Eindruck; dort äußerte sich eine erhebliche Zahl der Probanden danach verunsichert über den Klimawandel. Demgegenüber zeigten sich die vorbereiteten Teilnehmer:innen der Versuchsgruppe sozusagen „immun“ gegen den Versuch, Zweifel zu säen. „Die Impfung hat die Desinformation erfolgreich neutralisiert und ihren polarisierenden Einfluss verschwinden lassen“, stellte das Forschungsteam zufrieden fest.

Eine Impfung gegen Desinformation habe zwei Elemente:

  • Erstens müssten die Personen explizit gewarnt werden, dass Falschmeldungen auf sie zukommen könnten, die Zweifel an wissenschaftlichen Fakten wecken sollen.
  • Zweitens sollten sie eine abgeschwächte Dosis eines Mythos’ bekommen samt Widerlegung, wobei möglichst die benutzte Methode der Trickserei genau erklärt wird.

Weil diese Art von Schutz vor Falschmeldungen nur dann gut funktioniert, wenn er vor einer Desinformationskampagne aufgebaut wird, nennt man die Impfung auch oft prebunking – ein Wortspiel mit dem englischen Wort debunking, (zu Deutsch: Widerlegen) und der Vorsilbe „pre“ („vor“).

Impfung gegen Desinformation …

… als Spiel …

Um die Impfung angenehm zu machen und weit zu verbreiten, entwickelte ein Team von Wissenschaftler:innen und Programmierern das Online-Spiel Bad News: Wer hier mitmacht, muss Falschmeldungen unterschiedlicher Art möglichst erfolgreich unter das (virtuelle) Volk bringen. Die Idee ist, durch das spielerische Ausprobieren und einen Wettstreit ein tieferes Interesse an Mechanismen der Desinformation zu entfachen.

Das funktioniert offenbar: Verschiedene Studien haben die Impf-Wirkung des Spiels bei Probanden im deutschsprachigen Raum belegt. Auch in Schweden, Polen und Griechenland gab es ähnliche Resultate genau wie zuvor schon im englischen Sprachraum.

… als Spiel …

…und als Poster

Dem Publikum die gängigen Tricks der Desinformation zu erklären, versucht auch ein Poster, das klimafakten.de gemeinsam mit der Hamburger Illustratorin Marie-Pascale Gafinen entwickelt hat. Dort helfen kleine Bildchen und vor allem ein einprägsames Akronym beim Verstehen und Merken.

Poster zu den 5 Strategien der Desinformation

Das Poster können Sie übrigens hier als PDF herunterladen oder kostenlos als Farbdruck bestellen; es ist außerdem in Englisch und weiteren Sprachen verfügbar.

Mit dem Kunstwort PLURV als Abkürzung werden die fünf wichtigsten Methoden von Desinformationskampagnen zusammengefasst:

Pseudo-Expert:innen
Man lässt unqualifizierte Personen oder Institutionen auftreten und präsentiert sie als Quelle angeblich relevanter Einwände gegen wissenschaftliche Erkenntnisse.
Logik-Fehler
Mit ihnen lassen sich falsche Schlussfolgerungen aus eigentlich korrekten Informationen ableiten. Beispiele für solche (von den Urhebern der Mythen oft geschickt eingesetzte) Fehlschlüsse sind irreführende Analogien, falsche Alternativen oder übermäßige Vereinfachungen.
Unerfüllbare Erwartungen
Hier werden etwa von der Klimaforschung Resultate verlangt, die sie gar nicht liefern kann. Zum Beispiel fordert man hundertprozentige Sicherheit von Erkenntnissen oder Präzision bis in die x-te Nachkommastelle. Und verlangt dann, mit Klimaschutz-Maßnahmen zu warten, bis diese Forderungen erfüllt sind.
Rosinenpickerei
Diese Methode liegt vor, wenn Daten bewusst lückenhaft oder selektiv betrachtet werden, um eine vorgefasste These vermeintlich zu belegen. Will man zum Beispiel zeigen, dass die Erderhitzung eine Pause macht, kann man aus den üblichen  Temperaturdatensätzen einfach solche Abschnitte herauspicken, in denen sich teils über einige Jahre tatsächlich kein Anstieg zeigte – und ausblenden, dass davor und danach der Temperaturanstieg umso stärker ausfiel. Auch mit lokalen Anekdoten oder einzelnen kalten Wintern zu argumentieren, fällt in diese Kategorie.
Verschwörungsmythen
Man behauptet, es gäbe geheime Absprachen zum Beispiel zwischen Klimaforscher:innen, die koordiniert Daten fälschen und Ergebnisse erfinden. In diese Kategorie gehört auch der Vorwurf, Wissenschaftler:innen bekämen schließlich Geld für ihre Arbeit, deshalb würden sie ihre Ergebnisse so manipulieren, um weiterhin Geld zu erhalten. Aber natürlich gibt es noch viel fantasievollere – und absurdere – Mythen.

Die fünf PLURV-Hauptkategorien mit mehr als 20 einzelnen, unterscheidbaren Tricks gehen auf jahrelange Vorarbeiten von John Cook zurück, der inzwischen an der George Mason University in der Nähe von Washington D.C. arbeitet. Im Englischen lautet die Abkürzung der Strategien übrigens FLICC (deren Geschichte wird auf SkepticalScience.org im Detail erzählt).

Cook hat zur Illustration die Cartoonfigur Cranky Uncle erfunden, einen notorischen Griesgram und Klimawandelleugner. Diesen „nörgeligen Onkel“ lässt er in zahlreichen Cartoons auftreten und in einem Smartphone-Spiel, bei dem man wie bei Bad News die Strategien der Desinformation auf vergnügliche Weise kennenlernt.

…und als Poster

Übung zum Widerlegen und Umgang mit Mythen

In der Langversion zu diesem Kapitel stellen wir noch ein weiteres Poster samt Online-Quiz vor: zu sogenannten „Diskursen der Verzögerung“, also rhetorischen Strategien, um Klimaschutz auf die lange Bank zu schieben. Sie können das ausführliche Kapitel hier als PDF herunterladen.

Widerlegen – aber richtig

Erst ganz zum Schluss des Kapitels kommen wir nun zum sogenannten Debunking, also dem faktenbasierten Widerlegen von Falschbehauptungen. Hierzu gibt es inzwischen eine gewaltige Fülle von Ratgebern, Studien, Erklärungen und Anleitungen. Auf klimafakten.de zum Beispiel finden sich fast 50 Faktenchecks zu populären Mythen, auf der englischsprachigen Partnerseite SkepticalScience.com sogar mehr als 200.  

Falsche Informationen im Detail zu widerlegen wird nötig, wenn die bisher erklärten Techniken nicht (genügend) funktioniert haben. Wie man Falschbehauptungen wirksam kontert, erklärt sozialwissenschaftlich fundiert der Ratgeber Widerlegen, aber richtig. Er stammt von einem großen Autor:innenteam um Stephan Lewandowsky und John Cook und ist 2020 in einer erweiterten Fassung erschienen (eine Rezension finden Sie hier).

Falschmeldungen einfach stehenzulassen, ist fast nie eine gute Idee, so erklärt das kompakte Handbuch gleich zu Anfang – eigentlich nur dann, wenn man einem noch kaum verbreiteten Gerücht durch eine detaillierte Widerlegung erst Aufmerksamkeit verschaffen würde. Sind unwidersprochene Falschbehauptungen und Mythen aber bereits weit verbreitet, können sie viele Menschen zum Zweifeln bringen. Zudem wirkt gerade eine falsche Information umso wahrer, je häufiger sie uns begegnet; wenn es keine Widerlegung gibt, kann sich das Weitergeben beschleunigen und vermehrt solche Vertrautheit auslösen.

Schon deswegen ist die beste Strategie, Menschen vorsorglich gegen Falschmeldungen zu immunisieren (siehe oben). Die zweitbeste Möglichkeit, Desinformation zu bekämpfen, ist, sie früh richtigzustellen. Das Widerlegen muss dann drei Bedingungen erfüllen, so der Ratgeber:

  • Es sollte sich auf die korrekten Fakten konzentrieren, nicht auf die Falschmeldung.
  • Zudem muss es eine eindeutige Warnung vor dem Manipulationsversuch enthalten
  • und den Inhalt des Gerüchts durch eine andere, zutreffende Erklärung ersetzen. Sonst bleibt nämlich in den Köpfen des Publikums eine Lücke, die dann doch wieder vom falschen Detail gefüllt wird.

Um den Mythos, den man widerlegen will, nicht weiter beim Publikum zu verankern, empfehlen die Handbuch-Autoren eine klare, wiederkehrende Struktur der Argumentation. Die Reihenfolge der Textblöcke kann man sich als ein „Sandwich“ mit vier Schichten vorstellen:

1. Schicht: Fakten
Schreiben oder sagen Sie, was stimmt, was also die Erkenntnisse der Wissenschaft tatsächlich belegen. Angefangen von der eindeutigen Überschrift über einige klare, eher kurze Sätze, die auch schon dazu dienen, die kausale Lücke im Kopf des Zielpublikums zu schließen. Dabei können Grafiken helfen (siehe Kapitel 12). Der Irrglauben selbst kommt nicht in die Überschrift, es sei denn die Korrektur wird schon dort klar mit einem Wort wie „Mythos“ angekündigt.
2. Schicht: Warnung vor dem Irrglauben
Erklären Sie, dass ein Gerücht kursiert oder falsche Informationen verbreitet werden und paraphrasieren sie es dann ein einziges Mal. Hilfreich ist, dabei über die mangelnde Kompetenz oder die zweifelhaften Absichten der Quelle zu sprechen, um Ihr Publikum zusätzlich misstrauisch gegenüber der Falschinformation zu machen.
3. Schicht: Widerlegung
Danach folgt sofort die Erläuterung, warum der Irrglaube nicht zutrifft, warum er vielleicht für richtig gehalten wurde, warum aber jetzt klar ist, dass er doch nicht stimmt, und – vor allem – was die korrekte Information ist. „Es ist wichtig, dass Leser die Inkonsistenz sehen, um sie aufzulösen“, heißt es dazu im Handbuch. Hier kann auch der Hinweis auf eine der PLURV-Techniken folgen. Das hilft dem Publikum womöglich, in Zukunft ähnliche Desinformation rechtzeitig selbst zu erkennen.
Eine Analogie, mit der der verwendete Trick in einem anderen Zusammenhang ad absurdum geführt werden kann, ist ebenfalls hilfreich. Beispiel: Ein Mordopfer ist ja schließlich nicht deswegen einer natürlichen Todesursache erlegen, weil bisher die meisten Menschen so gestorben sind – warum sollte also der heutige Klimawandel natürliche Ursachen haben, bloß weil frühere Veränderungen im Klimasystem nicht von der Menschheit ausgelöst wurden?
4. Schicht: Fakten
Fassen Sie am Ende Ihrer Widerlegung noch einmal die relevanten Fakten in Form eines Merksatzes zusammen, damit die korrekten Informationen das Letzte sind, was Ihr Publikum hört.
Widerlegen – aber richtig

Wie man mit Zweifler:innen und Leugner:innen spricht

Wenn man Mythen widerlegt oder über sie diskutiert, ist das Gespür für das richtige Auftreten extrem wichtig. In einem Interview mit dem SZ-Magazin erläutert der Erfurter Psychologe Philipp Schmid, wie man am besten mit Impfgegner:innen in der eigenen Familie umgeht: Man müsse Vorwürfe vermeiden, was gerade bei persönlicher Nähe und daraus womöglich folgender Enttäuschung schwierig ist, lautet sein erster Rat.

Stattdessen empfiehlt Schmid, erst einmal zuzuhören und Fragen zu stellen, statt sofort Antworten zu geben, sich die Position der/des Anderen erklären zu lassen, die damit verbundenen Emotionen zu thematisieren, nach Quellen zu fragen und dann das Gehörte mit eigenen Worten ohne Verzerrung zusammenzufassen. Schon das kann dazu führen, dass das Gegenüber die Absurdität der eigenen Argumente erkennt.

Außerdem hilft es womöglich einzuräumen, so der Psychologe weiter, dass auf der Basis der genutzten Quellen tatsächlich der Eindruck entstehen kann, den der oder die Andere äußert. Dann geht es nämlich nicht mehr um die Geistesleistung oder Intelligenz des Gegenübers, sondern um die Qualität der Quellen. (Weitere ganz praktische Tipps gibt in diesem Artikel der Wissenschaftsjournalist Sebastian Herrmann.)

In jedem Fall ist es gut, den Dialog mit einem gewissen Abstand zu betrachten. Kommen Sie in dem Gespräch überhaupt nicht voran, dann sollten Sie in Gedanken einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Worum geht es hier eigentlich in Wirklichkeit? Warum verteidigt der/die Andere Position und Argumente so verbissen? Gibt es vielleicht eine andere Perspektive auf das Problem?

Das gilt im Prinzip auch, wenn eine solche Diskussion bei einem Vortrag, Workshop oder Seminar losbricht. Dann sollten Sie nie vergessen: Mit großer Sicherheit ist die überwiegende Mehrheit Ihres Publikums längst auf Ihrer Seite. Darum ist es hier besser, die Sache nicht auszuwalzen – enttäuschen Sie die Leute nicht, indem Sie sich zeitraubend mit einem einzelnen Starrkopf herumstreiten, der partout nicht den wissenschaftlichen Konsens zum menschengemachten Klimawandel akzeptieren will. Denn letztlich ist auch das eine erprobte Strategie der Leugner: Aufmerksamkeit zu erregen und zu binden, Aktivisten, Wissenschaftlerinnen, Kommunikatoren die Zeit zu stehlen, in der sie andere Menschen vom Handeln überzeugen könnten.

Wie man mit Zweiflerinnen und Leugnern spricht

Übung zu PLURV

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Link- und Literaturliste zum Weiterlesen


Die teils im Kapitel bereits erwähnten Handbücher:

Übrigens …

Dieses Kapitel gibt es – wie alle anderen Kapitel – in jeweils zwei Fassungen:

  • Einmal kurz und kompakt, wie Sie es hier gerade lesen (als Online-Version mit interaktiven Übungen).
  • Daneben gibt es von jedem Kapitel auch eine ausführliche Fassung im PDF-Format zum Herunterladen. Diese enthält mehr Details und Hintergründe und teils andere Übungen.