Viele Menschen meinen noch immer, der Klimawandel sei weit weg – er betreffe nur die Zukunft oder das andere Ende der Welt. Fachleute sprechen hier von „psychologischer Distanz“. Gute Klimakommunikation sollte diese Distanz verringern und gezielt beleuchten, welche Folgen die Erderhitzung bereits hier und heute hat. Dafür eignen sich zum Beispiel die Gefahren, die Menschen durch Wetterextreme, heiße Sommer oder Missernten drohen, aber auch die Risiken für Wälder und vieles andere.

Attributionsforschung

„Ist das schon der Klimawandel?“ Diese Frage wird fast immer von Medien oder Öffentlichkeit gestellt, wenn sich ein Extremwetter ereignet, eine Hitzewelle, eine Dürre, eine Überschwemmung. Bis vor einigen Jahren konnte die Wissenschaft auf diese Frage keine kurze, griffige Antwort geben. Doch dank Forscherinnen wie Friederike Otto hat sich das geändert.

Die aus Kiel stammende Physikerin arbeitet an der University of Oxford und hat die sogenannte Attributions- oder Zuordnungsforschung maßgeblich mitentwickelt. Diese kann auf der Basis computergestützter Klimamodelle ermitteln, welchen Anteil die Erderhitzung hat: also wie sehr eine bestimmte Dürre oder Überflutung durch die menschengemachte Klimaveränderung wahrscheinlicher und heftiger geworden ist. (Allerdings lässt sich auch weiterhin nicht sagen, dass der Klimawandel allein und kausal für irgendein Extremwetter verantwortlich war.) Im Ergebnis kann Otto nun zum Beispiel über den Extremsommer 2019 erklären: „Die Hitzewellen, die wir diesen Sommer erlebt haben, wären ohne den Klimawandel so nicht passiert. [In Frankreich] wäre es zwei Grad, an einzelnen Orten auch bis zu vier Grad kühler gewesen ohne den Klimawandel.“

In ihrem Buch Wütendes Wetter hat Otto (die auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von klimafakten.de ist) ihre Arbeitsweise anschaulich beschrieben. Auf der Webseite worldweatherattribution.org veröffentlicht ihre Arbeitsgruppe immer wieder entsprechende Untersuchungen – und zwar meist kurz nach einem spektakulären Wetterereignis, also wenn sich Medien und Öffentlichkeit noch stark dafür interessieren.  Das abstrakte Phänomen Klimawandel wird so für Menschen zur wahrnehmbaren Klimakrise:  Betroffen ist das eigene Leben, das hier und jetzt. Das ist ein großer Fortschritt in der Kommunikation.

Attributionsforschung

Das dreifache Distanz-Problem

Die zeitliche und räumliche, oft auch die soziale Distanz gilt Expert:innen schon lange als Problem. „Viele Menschen denken, dass die Klimarisiken sowohl ziemlich unsicher sind, als auch vor allem in der Zukunft liegen und geographisch weit entfernte Regionen betreffen“, stellte 2011 eine Arbeitsgruppe der US-amerikanischen Psycholog:innen-Vereinigung (APA) fest. „Das sind alles Faktoren, um die Gefahr abzutun.“

Zahlreiche Untersuchungen belegen dies. So befragte ein Forschungsteam der Universität Innsbruck österreichische Teenager zu ihrer Wahrnehmung des Klimawandels – jene, die sich keine Sorgen machten, hielten ihn für ein Phänomen der Zukunft und bezweifelten, dass sie selbst etwas dagegen tun könnten. Welchen Effekt gefühlte Nähe hat, zeigte beispielsweise eine britische Studie: Menschen, die Forschungserkenntnisse für gesichert hielten und den Einfluss des Klimawandels auf ihr Leben erkannten, zeigten sich eher bereit, etwas zu tun, beispielsweise den eigenen Energieverbrauch stark einzuschränken.

Distanz suggeriert, dass man sich nicht ernsthaft mit dem Thema beschäftigen muss, weil es einen selbst und die Liebsten noch gar nicht betrifft. Diese Art des Umgangs mit Risiken ist ganz menschlich.

Das dreifache Distanz-Problem

Der begrenzte Vorrat an Sorgen

Die Psychologie kennt mindestens zwei griffige Erklärungen für diesen Effekt: Das Modell „The finite pool of worries“ (der begrenzte Vorrat an Sorgen) wurde von den Psycholog:innen Patricia Linville und Gregory Fischer 1991 entwickelt. Seither zeigen etliche Studien, dass Befragte sich weniger Sorgen über ein Problem machen, wenn sich ihnen gerade ein anderes aufdrängt.

Im Zuge der Corona-Pandemie modifizierten Forscher:innen diesen Erklärungsansatz. Nicht die Fähigkeit zur Sorge selbst brauche sich auf, hieß es 2020 in einer Studie, sondern eher die Fähigkeit, potenziell bedrohlichen Entwicklungen tatsächlich Aufmerksamkeit schenken zu können. Studienteilnehmer:innen hatten zwar weiterhin Sorgen wegen des Klimawandels, dachten aber nicht mehr so oft daran, seit Corona den Alltag bestimmte.

Das PAIN-Modell und die Frage der Moral

Eine andere Erklärung, warum psychologische Entfernung schadet, stammt von Daniel Gilbert (Harvard University). Die Buchstaben in seinem Modell PAIN stehen für personal, abrupt, immoral, now. Ihm zufolge sind wir Menschen im Zuge der Evolution darauf trainiert worden, auf bestimmte Warnsignale zu reagieren – auf Gefahren, die uns persönlich betreffen und die von anderen Menschen ausgehen, die dabei unmoralisch oder verwerflich handeln. Zudem müssen die Risiken plötzlich auftreten oder zumindest eine schnelle Veränderung bewirken, die jetzt Realität wird.

Folgt man dem PAIN-Modell, so stellt der Klimawandel eine Bedrohung dar, die all diese „Knöpfe“ gerade nicht drückt, weil er zum Beispiel langsam abläuft und von vielen Menschen (uns selbst eingeschlossen) verursacht wird und durch viele Alltagshandlungen (etwa Autofahren), die wir gerade deswegen nicht als unmoralisch einstufen. Umgekehrt lässt sich das PAIN-Modell aber auch für die Verbesserung der Klimakommunikation nutzen: Man muss Menschen klarmachen, dass der Klimawandel jetzt da ist, große, plötzliche Veränderungen bewirkt und sie persönlich betrifft. Viele Klimakampagnen arbeiten überdies daran, dass Billigflüge oder Billigfleisch, der Betrieb von Kohlekraftwerken oder das Fahren übergroßer SUVs als moralisch fragwürdig wahrgenommen werden.

Bevor wir mit praktischen Vorschlägen ins Thema eintauchen, eine kleine Übung:

Übung zu Nähe und Distanz des Klimawandels

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Nähe vermitteln – einige Beispiele

Die Klimakrise betrifft das Leben von Menschen hierzulande auf vielfältige Weise und direkt – bei der Auswahl dessen, was man für seine Kommunikation nutzt, sollte man natürlich die jeweilige Zielgruppe im Blick haben (siehe dazu auch Kapitel 5).

Ein Ansatzpunkt sind die eingangs erwähnten Extremwetterereignisse. In den vergangenen Dürre- und Hitzesommern konnten zum Beispiel die Berliner:innen den Klimawandel bereits riechen – Waldbrände wüteten im umliegenden Brandenburg in den ausgedorrten Wäldern, und der Rauch zog bis in die Berliner Innenstadt. In vielen anderen Gegenden sahen Spaziergänger:innen, wie auf den Feldern das Getreide verkümmerte. In etlichen Städten ließ die Dürre Straßenbäume absterben. Wegen Niedrigwasser in den Flüssen konnten Binnenschiffe nur noch eingeschränkt fahren, Großkraftwerke mussten gedrosselt werden, weil es an Kühlwasser mangelte.

Veränderungen in der Natur

Neben Extremwetterereignissen können auch langsame Veränderungen in der Natur zu Aha-Momenten werden, etwa die jahreszeitliche Entwicklung der Pflanzen. Im Langzeit-Vergleich wird deutlich, wie sich die Jahreszeiten verschieben, zum Beispiel der Winter in Mitteleuropa immer früher endet und sich der Blühbeginn von Obstbäumen nach vorn verschiebt. Für die Landwirtschaft ist dies unter anderem deshalb ein Problem, weil die Baumblüte (und damit letztlich die Ernteerträge) nun stärker durch Nachtfrost gefährdet sind.

Ähnliche Veränderungen gibt es beim Verhalten und Vorkommen von Tieren, zum Beispiel beim Vogelzug, sowie bei der Schneeschmelze, der Ausdehnung von Gletschern und vielen anderen Phänomenen. Für Themen wie diese sind vor allem Naturinteressierte, Skibegeisterte oder Wandervereine empfänglich.

Menschliche Gesundheit

Der Klimawandel betrifft aber nicht nur die Natur, sondern auch den Menschen ganz direkt – zum Beispiel seine Gesundheit. So bedeutet der frühere Blühbeginn und die Verlängerung der Pollensaison für viele eine stärkere Belastung durch Allergien, etwa durch die Haselblüte.

Sommerliche Hitzewellen verursachen, wie Studien belegen, bereits heute tausende Todesfälle pro Jahr. Im August 2020 zum Beispiel verzeichnete das Statistische Bundesamt deswegen eine um bis zu 20 Prozent erhöhte Sterberate. Eine weitere Gesundheitsgefahr stellt die Ausbreitung von Insekten dar, die tropische Krankheiten übertragen, etwa die Asiatische Tigermücke.

Zum Thema Gesundheit wie auch zu allen anderen Aspekten, die wir hier erwähnen, finden Sie weitere Details und Quellen in der Langfassung dieses Kapitels – hier als PDF-Datei herunterladen.

Sport

Ein drittes Beispiel, wie die Erderhitzung nahe an das Leben jedes und jeder Einzelnen heranrückt, ist der Sport. Hitze – insbesondere in Kombination mit hoher Luftfeuchte – belastet sowohl Hobbysportler:innen als auch Profis.

Das zeigte sich überdeutlich zum Beispiel im Herbst 2019 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha im Golf-Emirat Katar. Dort brachen Sportler:innen reihenweise unter den extremen klimatischen Bedingungen zusammen. Um dem entgegenzuwirken, wurde unter anderem der Frauen-Marathon in die Nachtstunden verlegt. Trotzdem musste ein Drittel des Feldes aufgeben.

Lebensmittel

Die Folgen des Klimawandels haben auch Konsequenzen für die menschliche Ernährung: Schon vor etlichen Jahren warnten Forscher:innen der Universität Hohenheim, durch die zunehmende Sättigung der Luft mit dem Treibhausgas Kohlendioxid veränderten sich die Enzyme in den Getreidesorten; darum lasse sich in Zukunft womöglich weniger gutes Brot backen.

Genussmittel sind ebenso betroffen: Bei Bier könnte wegen des Klimawandels der Preis steigen, weil Hitze und Dürre die Erntemengen der Gerste vermindern. Milde Winter werden auf absehbare Zeit die Produktion von Eiswein in Deutschland zum Verschwinden bringen; im Winter 2019/2020 hatte es erstmals in keinem einzigen der 13 deutschen Weinbaugebiete den nötigen Frost gegeben, meldete der Branchenverband. In den Tropen bedrohen Klimaveränderungen den Anbau von Kaffee oder Kakao.

Bei den meisten der genannten Beispiele ist es übrigens wichtig, den Konjunktiv zu verwenden. Denn ob alle geschilderten Klimawandelfolgen so eintreten, ist nicht sicher – teilweise ist die Studienlage noch ungewiss, manches kann durch Anpassungsmaßnahmen gemildert werden; und grundsätzlich ist nicht sicher, wieviel Treibhausgase die Menschheit noch ausstoßen, also wie drastisch der Klimawandel letztlich ausfallen wird. Aber auch die Warnung, dass es zu Engpässen bei der Versorgung von Schokolade kommen könnte, ist ja für viele ernst…

Ratschläge aus der Wissenschaft

Nähe und Distanz, die Wahrnehmung des Klimawandels und die Konsequenzen für Einstellungen, individuelle Handlungsbereitschaft oder die Unterstützung von Klimapolitik – zu all diesen Fragen ist viel geforscht worden, und die Ergebnisse wirken bisweilen verwirrend. Wenn Sie sich für Details und einzelne Studien interessieren, dann lesen sie gern die ausführliche Version dieses Kapitels (hier als PDF-Datei herunterladen).

An dieser Stelle lediglich eine knappe Zusammenfassung:

  • Wenn Menschen den Klimawandel als zukünftiges, weit entferntes Problem betrachten, das sie nichts angeht, lassen sie sich kaum dazu bringen, Klimaschutz politisch zu unterstützen und im eigenen Leben umzusetzen. Dieser bequemen Haltung von Distanz sollte man etwas entgegensetzen.

  • Der oft übersehene Faktor dabei ist die emotionale Nähe zum Thema. Es mag sein, dass diese wächst, wenn man den zeitlichen, räumlichen oder sozialen Abstand der Klimafolgen zum Alltag verringert – dies ist aber nicht garantiert. Besser ist es deshalb wohl, direkt auf den Faktor Gefühle zu achten.

  • Dafür kann es hilfreich sein, Gefühle von globaler Identität zu wecken (um räumliche Distanz zu überwinden) oder Menschen zu bitten, die Perspektive künftiger Menschen zu übernehmen (kann zeitliche Distanz überbrücken). Der Fachbegriff hierfür lautet übrigens perspective taking.

  • Nahe und konkrete Folgen des Klimawandels zu verdeutlichen ist häufig gut, aber nicht immer – verschiedene Menschen und Zielgruppen reagieren teils unterschiedlich, auch weil ihre Werte und Normen individuell ausgeprägt sind (Kapitel 3). Die einen berührt vielleicht besonders die Ungerechtigkeit, dass die historischen Treibhausgas-Emissionen der Industrieländer in den armen Staaten des globalen Südens verheerende Schäden anrichten. Andere reagieren erst, wenn es um Folgen der Klimakrise in ihrer Nachbarschaft geht. Bei einem gemischten Publikum sollte die Kommunikation daher eine Bandbreite der räumlichen und sozialen Folgen präsentieren.

  • Wer Nähe erzeugt, löst womöglich auch Angst aus. Es ist daher entscheidend, Menschen immer auch Lösungsoptionen anzubieten, damit sie ein Gefühl von Kontrolle und subjektiver Handlungsfähigkeit gewinnen können, statt angesichts der drohenden Konsequenzen der Klimakrise gelähmt zurückzubleiben.

Einen Überblick zum Forschungsstand und praktische Ratschläge bietet auch diese empfehlenswerte Handreichung der britischen Organisation Climate Outreach zu psychologischer Nähe und Distanz sowie der Mitschnitt eines Webinars (beides auf Englisch).

Zwei eindrucksvolle Kampagnen

Als Schluss noch zwei Beispiele für gelungene Klimakommunikation zum Thema Nähe. Menschen haben Leidenschaften, Hobbies oder Vorlieben, die von stabilen Klimaverhältnissen abhängen – diese nutzte vor einigen Jahren die Kampagne „For the love of …“ in Großbritannien. Sie holte die Erderhitzung auf eine ganz persönliche Ebene und motivierte Menschen zu Aktivität.

Mit dem Slogan „Denn ich liebe“ hat die Schweizer Klima-Allianzdie Idee 2015 im Vorfeld einer Abstimmung über eine Klimaschutz-Initiative adaptiert.

Link- und Literaturliste zum Weiterlesen

Übrigens …

Dieses Kapitel gibt es – wie alle anderen Kapitel – in jeweils zwei Fassungen:

  • Einmal kurz und kompakt, wie Sie es hier gerade lesen (als Online-Version mit interaktiven Übungen).
  • Daneben gibt es von jedem Kapitel auch eine ausführliche Fassung im PDF-Format zum Herunterladen. Diese enthält mehr Details und Hintergründe und teils andere Übungen.